Altlast N94: Hirschwanger Accumulatorenfabrik

Im Bereich der ehemaligen Akkumulatorenfabrik ist der Boden sehr hoch durch Blei und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, sowie untergeordnet durch Antimon und Cadmium verunreinigt. Hohe Bleigehalte konnten auch in Gemüseproben nachgewiesen werden, die aus belasteten Gärten stammen.

Eine Expositionsabschätzung und Risikoanalyse ergibt die Möglichkeit einer erhöhten Schadstoffaufnahme durch spielende Kleinkinder auf belasteten Flächen sowie durch den Verzehr von Gemüse aus bleibelasteten Beeten. Beide Risiken sind als nicht tolerierbar zu beurteilen. Entsprechend den Kriterien für die Prioritätenklassifizierung ergibt sich die Prioritätenklasse 1.

Bezirk:
Gemeinde:
Katastralgemeinde:
Grundstücksnummern:
Neunkirchen,
Reichenau an der Rax,
Hirschwang,
14/2, 14/7, 17/1, 18/3, 18/4, 18/8, 18/12, .128/1, .128/4, .130, .149, .170, .171, .172, .192
Lage der Altlast : Altlast im GIS anzeigen
Art der Fläche: Altstandort
Branche: Herstellung von Batterien und Akkumulatoren
Ergebnis Beurteilung: erhebliches Risiko Schadstoffaufnahme
Fläche Altlast (m²): 20.000 m²
Schadstoff(e) Metalle (Blei)
Teeröl (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe)
Datum Eintrag Altlastenatlas: 15.10.2021
Datum der Prioritätenfestlegung: 15.10.2021
Priorität: 1

BESCHREIBUNG DER STANDORTVERHÄLTNISSE

Betriebliche Anlagen und Tätigkeiten

Der Altstandort „Hirschwanger Accumulatorenfabrik“ befindet sich im östlichen Ortsgebiet von Hirschwang an der Rax nördlich der Schwarza.

Auf dem ca. 20.000 m² großen Areal wurden von etwa 1898 bis 1920 Bleiakkumulatoren hergestellt. Im Jahr 1877 wurde auf dem Standort eine Zellulosefabrik errichtet. Die Zellulosefabrik wurde etwa 1890 aufgelassen. Danach wurden bis zur Übernahme von der Firma AFA-Akkumulatoren AG (Vorgänger der VARTA AG) Holzstoffwaren erzeugt.

Die Akkumulatorenfabrik besaß eine Gießerei mit Einrichtungen für die Verarbeitung von rund 10.000 kg Blei pro Tag. Es wurden Elektroden bzw. Akkumulatorplatten aus Weich- und Hartblei gegossen. Weiters wurden Bleibleche im standorteigenen Walzwerk erzeugt die unter anderem für die Auskleidung der säurefesten Akkumulatorenbehälter dienten. Im Schmierraum erfolgte die Weiterverarbeitung der aus der Gießerei stammenden negativen Platten mit Bleioxiden, die positiven Elektroden wurden durch Formierung erzeugt. Der benötigte Strom wurde in einem Kraftwerk an einem künstlichen Ausleitungsgerinne der Schwarza („Schwarza-Werkskanal“) mit 2 Francisturbinen und 8 Dynamomaschinen erzeugt. Die Akkumulatoren wurden in Lokomotiven, Zügen, Bussen und U-Booten der K. & K. Armee eingesetzt. Im Gemeindegebiet von Reichenau wurde ein Elektrobusverkehr mit Akkumulatoren aus der „Hirschwanger Accumulatorenfabrik“ eingerichtet. Es wurden Akkumulatoren in verschieden Größen mit einer elektrischen Ladung von bis zu 7776 Amperestunden erzeugt.

Die Akkumulatorenproduktion wurde in den 1920er Jahren eingestellt. Danach wurde das Gelände vermutlich nicht mehr betrieblich genutzt. Die meisten Gebäude der Akkumulatorenfabrik wurden abgerissen, einzelne Gebäude bestehen noch heute.

Untergrundverhältnisse

Im Bereich des Altstandortes besteht der Untergrund aus jüngeren Talfüllungen der Schwarza und postglazialen Sedimenten. Der Untergrund besteht unter einer, meist wenige Dezimeter mächtigen Oberbodenschicht bis in eine Tiefe von rund 5 bis 7 m aus sandigen Kiesen. Darunter folgen bindige Sedimente und klüftiger Chlorit-Phylit. Am Gelände der ehemaligen Akkumulatorenfabrik sind anthropogene Anschüttungen mit einer Mächtigkeit von rund 2,3 m vorhanden.

Die Geländeoberfläche liegt in etwa bei 496 m ü. A. Der Flurabstand des Grundwassers beträgt zwischen 3 und 4 m. Die Grundwassermächtigkeit liegt zwischen 1 und 4 m. Die Durchlässigkeit des Kiesaquifers liegt bei rund 6*10-3 m/s. Die Grundwasserströmungsrichtung verläuft nach Ostsüdost. Das Grundwassergefälle beträgt rund 0,35 %.

Nutzungen

Auf dem Altstandort befinden sich ein für Wohnzwecke genutztes Mehrparteienhaus und ein gut erhaltenes derzeit nicht vermietetes Einfamilienhaus sowie ungenutzte und teilweise verfallene Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Weiters befinden sich auf dem Gelände mehrere Gärten die unter anderem für den Anbau von Obst und Gemüse genutzt werden, sowie Grünflächen und brachliegende ungenutzte Flächen. Ein Kleinwasserkraftwerk befindet sich im nördlichen Teil der ehemaligen Akkumulatorenfabrik.

Das Gelände der ehemaligen Akkumulatorenfabrik wird von der Schwarza und dem Schwarza-Werkskanal umflossen, östlich angrenzend befindet sich die gesicherte Altlast N 15 „Werksdeponie Neupack“.

Nördlich des Schwarza-Werkskanals befindet sich eine Eisenbahnremise.

Im näheren Abstrom des Altstandortes sind keine relevanten wasserrechtlich bewilligten Grundwasserentnahmen bekannt.

 

UNTERSUCHUNGEN

Im Zeitraum von Dezember 2020 bis April 2021 wurden folgende Untersuchungen durchgeführt:

  • 15 + 7 Rammkernsondierungen sowie Entnahme und Untersuchung von Feststoff- und Bodenluftproben
  • Entnahme und Analyse von Bodenproben an 17 Teilflächen
  • Entnahme und Analyse von 8 Bachsedimentproben
  • Entnahme und Analyse von Pflanzenproben an 6 Teilflächen
  • Herstellung von Grundwassermessstellen sowie Entnahme und Analyse von Grundwasserproben (aus zwei bestehenden und vier neu errichteten Grundwassermessstellen an zwei Terminen)

 

GEFÄHRDUNGSABSCHÄTZUNG

Art und Ausmaß der Untergrundverunreinigungen

Nach Beendigung des Betriebes der Akkumulatorenfabrik in Hirschwang im Jahr 1920 wurden die Betriebsgebäude abgerissen und nicht benötigte Baumaterialien zusammen mit Produktionsabfällen am Standort abgelagert bzw. einplaniert. Von den Ablagerungen ist der gesamte Altstandort mit einer Fläche von rund 20.000 m² betroffen. Entsprechend der eingesetzten Stoffe und der Untersuchungsergebnisse ist der Boden im gesamten Bereich der Altablagerungen hoch mit Blei und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen kontaminiert. Die Kubatur der Ablagerungen kann mit rund 43.000 m³ abgeschätzt werden. Die nachgewiesenen hohen Bleigehalte im Kohlgemüse und in den übrigen Pflanzenproben sowie die Ergebnisse der Ammoniumnitratextraktuntersuchungen zeigen einen hohen Schadstofftransfer vom kontaminierten Boden in die Pflanze und eine hohe Pflanzenverfügbarkeit von Blei.

Beurteilung der Schadstoffaufnahme durch Menschen

Die Expositionsabschätzung und Risikoanalyse im Bereich der „Hirschwanger Accumulatorenfabrik“ ergibt, dass für mehrere Expositionsszenarien ein gesundheitliches Risiko für Menschen existiert. Besonders hervorzuheben sind die mögliche Schadstoffaufnahme durch spielende Kleinkinder in blei- und PAK-belasteten Bereichen sowie durch den Verzehr von Gemüse aus bleibelasteten Beeten durch alle Bewohner. Beide Risiken sind als nicht tolerierbar zu beurteilen.

Durch die Kombination dieser zwei sowie weiterer am Standort möglicher Tätigkeiten (z. B. Gartenarbeit) kann sich die individuelle Exposition für unterschiedliche Menschen stark unterscheiden. Ebenso muss berücksichtigt werden, dass auch eine vom Standort unabhängige Aufnahme der relevanten Stoffe über die Nahrung erfolgt und auch zusätzliche Belastungen individuell möglich sind (z. B. Arbeitsplatzbelastung, Rauchen).

Anzumerken ist darüber hinaus, dass sich durch Nutzungsänderungen neue Risiken ergeben können. Beispielsweise ist nicht auszuschließen, dass in naher Zukunft Bereiche durch Kinder genutzt werden, bei denen dies aktuell nicht der Fall ist.

Beurteilung der Auswirkungen auf das Grundwasser und die Schwarza

Im unmittelbaren Bereich des Altstandortes wurden im Grundwasser an einem von zwei Probenahmeterminen Verunreinigungen mit Blei festgestellt. Mit einer weitreichenden Ausbreitung von Schadstoffen im Grundwasser ist nicht zu rechnen. Das Bachsediment der Schwarza zeigte keine Belastungen.

 

PRIORITÄTENKLASSIFIZIERUNG

Maßgebliches Schutzgut für die Bewertung des Ausmaßes der Umweltgefährdung ist der Boden. Die maßgeblichen Kriterien für die Prioritätenklassifizierung können wie folgt zusammengefasst werden:

Schadstoffpotenzial: sehr groß

Der Boden im Bereich des Altstandortes ist flächendeckend mit Schwermetallen und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen belastet. Dabei handelt es sich vor allem um Blei und Benzo(a)pyren sowie untergeordnet um Antimon und Cadmium. Vor allem die Blei- und Benzo(a)pyrenbelastungen sind auf dem weitaus überwiegenden Teil des Altstandortes mit Gehalten von durchschnittlich rund 2.000 mg/kg und Maximalgehalten bis zu 35.000 mg/kg Blei sowie Gehalten von durchschnittlich rund 1,3 mg/kg und Maximalgehalten bis zu 6,7 mg/kg Benzo(a)pyren als sehr hoch zu bewerten. Darüber hinaus wurde ein hoher Transfer von Blei aus den belasteten Böden in Gemüsepflanzen nachgewiesen.

Insgesamt umfasst der Bereich, der hoch mit Blei belastet ist und in dem es zu einer erhöhten Schadstoffaufnahme durch Menschen kommen kann, rund 20.000 m². Die belasteten Bereiche mit Gartennutzung haben eine Größe von insgesamt rund 5.000 m².

Schadstoffaufnahme durch Menschen: erhöht

Im Bereich des Altstandortes befindet sich ein Mehrparteienhaus und ein derzeit nicht vermietetes Einfamilienhaus. Zu den Wohneinheiten gehören Freibereiche auf denen Gartennutzung stattfindet.

Eine Expositionsabschätzung und Risikoanalyse ergibt, dass für mehrere Expositionsszenarien ein gesundheitliches Risiko für Menschen existiert. Besonders hervorzuheben sind die mögliche Schadstoffaufnahme durch spielende Kleinkinder sowie durch den Verzehr von Gemüse aus bleibelasteten Beeten durch alle Bewohner.

Insgesamt ist es wahrscheinlich, dass im Bereich des Altstandortes eine signifikant erhöhte Schadstoffaufnahme durch Menschen erfolgt.

Bedeutung des Schutzgutes: hochwertig (4)

Auf dem Gelände befinden sich ein für Wohnzwecke genutztes Mehrparteienhaus und ein gut erhaltenes derzeit nicht vermietetes Einfamilienhaus sowie ungenutzte und teilweise verfallene Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Die unversiegelten Bodenbereiche werden zum Teil als Gärten zu Freizeitzwecken sowie auch zum Anbau von Obst und Gemüse für den Eigenbedarf genutzt.

Ein Teil der Freiflächen liegt brach und es befinden sich gemeinschaftlich genutzte Grünflächen am Standort.

Prioritätenklasse - Vorschlag: (1)
Entsprechend der Bewertung der vorhandenen Untersuchungsergebnisse, der Gefährdungsabschätzung und den in § 14 Altlastensanierungsgesetz festgelegten Kriterien ergibt sich für den Altstandort „Hirschwanger Accumulatorenfabrik“ die Prioritätenklasse 1.

 

 

Datum der Texterstellung: Mai 2021