Altlast N53: Teerfabrik Rütgers - Angern

Beim Altstandort „Teerfabrik Rütgers – Angern“ handelt es sich um einen rund 11,2 ha großen Standort, auf dem etwa 1860 bis 1924 eine Teerproduktenfabrik sowie eine Fabrik zur Produktion von Holzimprägnierungsmitteln und eine Holzimprägnierungsanlage betrieben wurden. Am Standort wurden Untergrundbelastungen mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und untergeordnet mit Mineralöl (MKW) sowie aromatischen Kohlenwasserstoffen (BTEX) und phenolischen Kohlenwasserstoffen festgestellt.

Ausgehend von den Untergrundverunreinigungen hat sich im Grundwasser eine weitreichende Schadstofffahne mit PAK (v.a Naphtalin) und BTEX sowie untergeordnet mit heterozyklischen aromatischen und phenolischen Kohlenwasserstoffen sowie Arsen ausgebildet. Die abströmenden Schadstofffrachten sind sehr groß, mittel- bis langfristig ist keine signifikante Rückbildung der Schadstofffahne zu erwarten.

Fast im gesamten Bereich des Altstandortes ist der Boden vor allem durch polyzyklische aromatische Kohlenwasser belastet, stellenweise kommt es sogar zu Teeraustritten an der Oberfläche. Durch die Nutzung des Altstandortes als Wohngebiet ist anzunehmen, dass es zu einer Schadstoffaufnahme der ansässigen Wohnbevölkerung kommt. Auf Basis einer Risikoanalyse können langfristige Wirkungen auf die Gesundheit nicht ausgeschlossen werden.

Im Zuge von ersten Sanierungsmaßnahmen („Sofortmaßnahmen“) wurde in einem großen Teil der Altlast die oberste Bodenschicht bis 50 cm ausgetauscht. Dadurch besteht für diesen großen Teil der Altlast keine Gefahr mehr, dass es durch Wohnnutzung zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen kommt. Durch die Sofortmaßnahmen ergeben sich keine Auswirkungen auf die Grundwasserbelastungen.

Der Altstandort stellt eine erhebliche Gefahr für die Gesundheit der Menschen und die Umwelt dar. Es wird eine Einstufung in die Prioritätenklasse 1 vorgeschlagen.

Bezirk:
Gemeinde:
Katastralgemeinde:
Grundstücksnummern:
Gänserndorf,
Angern an der March,
Angern,
616/2, 620/3, 621, 625, 626, 627, 711, 712/1, 712/2, 713, 714, 715, 716/1, 716/2, 716/3, 716/4, 716/5, 716/8, 716/9, 716/10, 716/11, 716/12, 716/13, 716/15, 716/16, 716/17, 716/18, 716/19, 716/20, 716/21, 716/22, 716/24, 716/26, 716/27, 716/28, 716/29, 716/30, 716/31, 716/32, 716/33, 716/34, 716/35, 716/36, 716/37, 716/38, 716/39, 716/40, 716/41, 716/42, 716/43, 716/45, 716/46, 716/47, 716/48, 716/49, 716/50, 716/51, 716/52, 716/53, 716/54, 716/55, 716/61, 716/62, 716/65, 716/69, 716/70, 716/73, 716/74, 716/78, 716/79, 716/80, 716/81, 716/82, 716/83, 716/84, 716/85, 716/86, 716/89, 716/90, 716/91, 716/92, 716/93, 716/94, 716/95, 716/96, 716/97, 716/98, 716/99, 716/100, 716/101, 716/102, 716/104, 716/105, 716/106, 716/107, 716/108, 716/109, 717, 718/1, 719/3, 721/2, 721/3, 721/4, 721/8, 723/1, 723/2, 723/3, 723/5, 723/7, 723/8, 723/9, 723/10, 723/12, 723/13, 723/14, 723/15, 723/16, 723/17, 724/4, 724/5, 724/6, 724/7, 755, 793/1, 793/2
Lage der Altlast : Altlast im GIS anzeigen
Art der Fläche: Altstandort
Branche: Verarbeitung von Teer und Teerprodukten und bituminösen Produkten
Ergebnis Beurteilung: erhebliche Kontamination
Fläche Altlast (m²): 130.000 m²
Schadstoff(e) Teeröl (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe)
Datum Eintrag Altlastenatlas: 01.09.2003
Datum der Prioritätenfestlegung: 01.11.2012
Priorität: 1
Datum Aktualisierung Altlastenatlas: 01.09.2003

BETRIEBLICHE ANLAGEN UND TÄTIGKEITEN

Betriebliche Anlagen und Tätigkeiten

Der Altstandort "Teerfabrik Rütgers – Angern " liegt unmittelbar westlich des Bahnhofes von Angern an der March. Im Zeitraum von 1860 bis 1924 wurden eine Teerprodukten-Fabrik sowie eine Fabrik zur Produktion von Holzimprägnierungsmitteln und eine Holzimprägnierungsanlage betrieben.

Bei einer Fläche von insgesamt ca. 11,2 ha befand sich im nördlichen Teil auf rund 5,2 ha die Fabrik zur Herstellung von Teerprodukten, im Südteil auf rund 3,5 ha die Holzimprägnierungsanlage sowie daran anschließend im Südwesten rund 2,5 ha Lagerflächen. Folgende Tabelle  gibt einen Überblick über die Entwicklungsgeschichte des Betriebsstandortes.

 

Tabelle: Chronologie des Altstandortes "Teerfabrik Rütgers - Angern"

Jahr

Entwicklungsgeschichte

1850

Eröffnung des Bahnhofes Angern an der March
1860 Errichtung einer Fabrik zur Herstellung von Teerprodukten
1868 Errichtung einer Fabrik zur Herstellung von Holzimprägnierungslösungen mit angeschlossenem Tränkwerk, Beginn der Imprägnierarbeiten
1912 Brand in der Teerfabrik
1921 Auflösung des Imprägnierwerkes
1924 Schließung der Teerproduktenfabrik
ab ca. 1945 Aufschüttung eines Teils des Geländes im Norden um ca. 1,5 m, Errichtung einer Wohnsiedlung am Fabriksgelände, Nutzung des Bereiches zwischen Wohnsiedlung und Bahnlinie als Zuckerrübenlagerplatz

Teerproduktenfabrik:

Am Areal der Teerproduktenfabrik befanden sich laut Plan aus dem Jahre 1894 folgende Anlagen und Gebäude:

  • Gasanstalt, Teer-Destillation, Teer-Bassin
  • 2 Wassergräben, zahlreiche Nebenanlagen (z.B. chemisches Laboratorium, Binderei, Gleisanlagen) sowie weitere Bassins

Der verarbeitete Teer wurde vermutlich sowohl am Standort produziert als auch von Gaswerken angeliefert. Die Aufspaltung des Teers in die einzelnen Fraktionen erfolgte durch Destillation. Es wurden Benzol, Adsorptionsöle für Benzolanlagen, Naphthalin, Karbolsäure (Creosot), Anthrazen, Anthrazenöle, Imprägnieröle (creosothältige Teeröle), Dachlack, Pyridin, basischer Teer, Brikettpech, Asphaltpech, Dachpappen und Isolierplatten hergestellt.

Die Ableitung der anfallenden Betriebsabwässer erfolgte über zwei Wassergräben nach Osten und von dort in einem Graben entlang der Eisenbahnstrecke nach Nordosten in den Ollersbach. Die Teerprodukten-Fabrik war bis 1924 in Betrieb.

Holzimprägnierungsanstalt:

Es wurden vor allem Bahnschwellen imprägniert. Die Imprägnierung erfolgte durch Tränkung in Becken und mittels Kesseldruckverfahren. Als Imprägniermittel wurde vor allem Steinkohlenteeröl aber auch Zinkchlorid eingesetzt. Die Verwendung weiterer metallhaltiger Schutzsalzgemische (z.B: Alkaliarsenate) kann nicht ausgeschlossen werden. Die unbebauten und unbefestigten Flächen wurden als Lagerflächen genutzt.

Die Lage einzelner Anlagen sowie die Nutzung der Gebäude im Bereich der Holzimprägnierungsanstalt (Produktion von Holzimprägnierungsmitteln und Holzimprägnierung) ist nicht mehr genau bekannt.

Nach Stilllegung der Holzimprägnierung im Jahr 1921 und der Teerproduktenfabrik im Jahr 1924 wurden die Fabriksanlagen und -einrichtungen beseitigt. Die Becken zur Holzimprägnierung wurden vermutlich in den 40er Jahren zugeschüttet.

Untergrundverhältnisse

Das Gelände des Altstandortes befindet sich auf einer Höhe von ca. 150 bis 155 m ü.A. und ist im Wesentlichen eben. An der Ost- und Nordseite des Siedlungsgebietes bestehen Geländestufen, da der an der Bahn gelegene Teil des Wohngebietes (nordwestlich des Rübenlagerplatzes) ca. 1950 mit Kalk und anderen nicht näher bekannten Materialien um rund 1,5 m erhöht wurde.

Der Untergrundaufbau wird oberflächennah von quartären Sedimenten (Löß und kiesig-steinige Sande) mit Mächtigkeiten bis zu 7 m geprägt. In weiterer Folge stehen bis über 200 m Tiefe unter Gelände tertiäre Sedimente in Form von Wechsellagerungen aus Sanden, Schluffen, Tonen und Kiesen an, in die ab 60 m Tiefe auch tonige Mergel eingelagert sein können.

Im nördlichen Bereich und im Zentrum des Altstandortes ist in den quartären Sanden ein durchgehender erster Grundwasserhorizont mit einer Mächtigkeit von bis zu 7 m anzutreffen. Die Sande sind relativ gut durchlässig (kf-Wert ca. 4 x 10–4 m/s). Die Mächtigkeit und die Durchlässigkeit des Grundwasserleiters nehmen im Süden des Altstandortes deutlich ab, wobei die Mächtigkeit teilweise weniger als 1 m beträgt und die Durchlässigkeit relativ gering (kf-Wert ca. 3 x 10-6 m/s) ist. Aufgrund der Wechsellagerung der Sedimentschichten treten im ersten Grundwasserhorizont teilweise auch gespannte Grundwasserverhältnisse auf. In den tertiären Schichten sind in größerer Tiefe (> 30 m) weitere Grundwasserstockwerke ausgebildet.

Der Flurabstand des ersten Grundwasserhorizontes beträgt im Bereich des Altstandortes zwischen 1,5 bis 6,3 m. Generell ist die Grundwasserströmung im Untersuchungsbereich nach Ost bis Ostsüdost gerichtet. Das Gefälle des Grundwasserspiegels beträgt zwischen 0,5 bis 1 %. Der spezifische Grundwasserdurchfluss im Bereich des Altstandortes kann mit rund 0,2 m³/m×d abgeschätzt werden, für die gesamte Standortbreite ergeben sich rund 120 m³/d. Die Grundwasserneubildung im Bereich des Altstandortes kann grob mit rund 25 m³/d abgeschätzt werden. Im Vergleich von Grundwasserneubildung und hydraulischer Fracht ergibt sich ein geringer Verdünnungsfaktor von rund 5.

Schutzgüter und Nutzungen

Nach 1945 wurde mit einer Bebauung des Altstandortes begonnen, so dass heute am Großteil der Fläche ein Siedlungsgebiet (ca. 50 Einfamilienhäuser) besteht. Bei der Errichtung der Wohnhäuser wurden auch teilweise Baumaterialien der ehemaligen Fabriksanlagen wieder verwendet. Der östliche Bereich am Bahnhof von Angern an der March wird als Lagerplatz für Zuckerrüben genutzt, die ehemaligen Lagerflächen südwestlich der Ollersdorfer Straße werden landwirtschaftlich genutzt. Während der Altstandort weitgehend Wohngebiet ist, wird die Umgebung des Altstandortes vor allem landwirtschaftlich genutzt, nordwestlich wurde das Siedlungsgebiet erweitert. Östlich des Altstandortes bzw. des Bahnhofes befindet sich der Ortskern von Angern an der March.

Der Altstandort befindet sich am nordöstlichen Rand des Marchfeldes innerhalb des Geltungsbereiches einer wasserwirtschaftlichen Rahmenverfügung zum Schutz des Grundwassers. Rund 250 m nördlich des Altstandortes fließt der Ollersbach und mündet rund 700 m östlich in die nahe gelegene March. Der erste Grundwasserhorizont wird sowohl im Bereich des Altstandortes als auch im Grundwasserabstrom durch Hausbrunnen erschlossen. Rund 350 m nordöstlich des Altstandortes befindet sich ein Brunnen der Trinkwasserversorgungsanlage von Angern. Durch diesen Brunnen werden tiefere Grundwasserstockwerke in den tertiären Schichten erschlossen. Der Brunnen wird allerdings derzeit nicht zur Trinkwasserversorgung herangezogen.

 

GEFÄHRDUNGSABSCHÄTZUNG

Ursachen, Art und Verteilung der Kontamination am Altstandort

Im Zeitraum von 1860 bis 1924 wurden eine Teerprodukten-Fabrik sowie eine Fabrik zur Produktion von Holzimprägnierungsmitteln und eine Holzimprägnierungsanlage betrieben. Auf einer Fläche von insgesamt ca. 11,2 ha befand sich im nördlichen Teil auf rund 5,2 ha die Fabrik zur Herstellung von Teerprodukten, im Südteil auf rund 3,5 ha die Holzimprägnierungsanlage sowie daran anschließend im Südwesten rund 2,5 ha Lagerflächen.

Aufgrund der Ergebnisse der durchgeführten Untergrunderkundungen ist davon auszugehen, dass fast im gesamten Bereich der ehemaligen Betriebsanlagen sowie zum Teil auch außerhalb der Standortgrenzen Verunreinigungen des Untergrunds durch Teer bzw. Teerprodukte bestehen. Schwerpunkte der Verunreinigungen sind im Bereich des sogenannten „Kalkberges“ sowie im zentralen Bereich des Altstandortes (Teerprodukten-Fabrik, Holzimprägnierungsanlagen) gegeben, können jedoch in beschränkterem Flächenausmaß am ganzen Altstandort auftreten. Die Abtropfflächen im südwestlichen Teil des Altstandortes sind vergleichsweise gering verunreinigt. Wiederholt konnte in Untergrundaufschlüssen in unterschiedlichen Tiefen auch Teer in flüssiger, plastischer bzw. fester Phase angetroffen werden. Eine Differenzierung und Zuordnung der Verunreinigungen zu verschiedenen Kontaminationsursachen ist kaum möglich. Hinsichtlich der stofflichen Zusammensetzung der Teeröle können grob drei unterschiedliche Fraktionen unterschieden werden: 

  • feste und plastische Teerreste
  • flüssige Teerölphase „konventioneller“ Zusammensetzung
  • flüssige Teerölphase bestehend aus raffiniertem Teeröl, d.h. Fraktionen (Produkte) mit höher flüchtigen und besser wasserlöslichen Anteilen

In den hochkontaminierten Bereichen bestätigen neben sehr hohen PAK-Belastungen (max. rd. 13.000 mg/kg TM) auch erhöhte Messwerte für aromatische Kohlenwasserstoffe (BTEX) im Feststoff und in der Bodenluft, sowie Mineralölkohlenwasserstoffe und phenolische Kohlenwasserstoffe die Kontaminationen des Untergrundes durch Teerprodukte. Vereinzelt zeigen sich bei den Untersuchungen des Untergrundes auch Hinweise auf Belastungen des Untergrundes durch Metalle , insbesondere Arsen, Blei, Cadmium, Quecksilber und Zink. Vermutlich wurden zur Holzimprägnierung zeitweise auch Metallsalze, z.B. Zinkchlorid und Alkaliarsenate, eingesetzt. Die Ergebnisse der Eluatuntersuchungen und Säulenversuche weisen darauf hin, dass aus teerölkontaminierten Bereichen der ungesättigten Bodenzone mit dem Sickerwasser auch aktuell noch ein Eintrag von Schadstoffen in das Grundwasser erfolgt.

An mehreren Stellen, im zentralen Bereich des Altstandortes sowie nördlich und südöstlich angrenzend liegen Teeröl-Phasen am Stauer vor. Aufgrund einer ausgeprägten Morphologie des Grundwasserstauers ist anzunehmen, dass sich die Teeröl-Phasen in Rinnen und Senken angesammelt haben und zusätzliche Schadstoffquellen in der gesättigten Zone bilden. In nebenstehender Abbildung sind die Bereiche mit Teeröl-Phase schematisch dargestellt. Aufgrund des Schadensbildes (Schadstoffverteilung im Grundwasser, Ausdehnung und Lage der Schadstofffahne) ist bei der Teeröl-Phase am Stauer nordöstlich des Altstandortes anzunehmen, dass diese weiter nach Norden bzw. Nordosten reicht, als in nebenstehender Abbildung dargestellt. Eine exakte Abgrenzung ist jedoch auf Basis der bisher vorhandenen Daten nicht möglich.

Auf einer Fläche von rund 100.000 m² ist der Untergrund erheblich mit PAK verunreinigt, das Volumen des erheblich verunreinigten Bereiches kann mit ca. 150.000 bis 200.000 m³ abgeschätzt werden. An mehreren Stellen im Untergrund bzw. stellenweise auch am Grundwasserstauer liegen zudem freie Teeröl-Phasen vor. Es ist anzunehmen, dass sich die Teeröl-Phasen entlang von Schichtgrenzen (zu geringer durchlässigen Schichten) auch lateral ausbreiten und lokal auch in der ungesättigten Zone Pools bilden.

Schutzgut Grundwasser

Entsprechend den massiven Verunreinigungen des Untergrunds liegen im Grundwasser sehr starke Belastungen an gelösten Schadstoffen vor, vor allem durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und aromatische Kohlenwasserstoffe (BTEX), untergeordnet auch durch anorganische Schadstoffe (z.B. Arsen). Die Fahne der gelösten Schadstoffe breitet sich entsprechend der Kontaminationsverteilung und der Grundwasserströmungsverhältnisse hauptsächlich nordöstlich des Altstandortes aus. In der Schadstofffahne liegen sowohl Bestandteile als auch Produkte von Steinkohlenteer vor, neben PAK auch NSO-Heterozyklen (vor allem Benzofuran, Benzothiophen und 2-Methylbenzofuran) und phenolische Verbindungen sowie BTEX und aromatische Amine (Anilin, Dimethylamin). Der Nachweis verschiedener PAK-Metaboliten (Naphthoesäuren und hydroxylierte Naphthoesäuren) weist auf einen zumindest begrenzten mikrobiellen Abbau der PAK unter den herrschenden Redox-Verhältnissen hin. Auch Arsen tritt im Bereich der Schadstofffahne in teilweise sehr hohen Konzentrationen auf. Ursache dafür kann sowohl der Eintrag von Imprägnierungssalzen (z.B. Alkali-Arsenate) als auch eine Freisetzung von geogenem Arsen im reduzierenden Grundwassermilieu sein.

Die Schadstofffahne im Nordosten des Altstandortes erreicht eine Länge von knapp 500 m. Eine Abschätzung der mittleren Schadstofffracht ergibt im unmittelbaren Abstrom des Altstandortes eine erhebliche Schadstofffracht bei gelöstem Arsen (17 g/d) und phenolischen Verbindungen (Phenol-Index 100 g/d), eine große Schadstofffracht bei aromatischen Kohlenwasserstoffen   (ΣBTEX 220 g/d) sowie eine sehr große Schadstofffracht für Benzol (90 g/d), Naphthalin (100 g/d) und Summe PAK-15 (10 g/d).

Auch im südlichen Teil des Altstandortes hat sich, ausgehend von einer massiven, aber räumlich begrenzten Teerölverunreinigung des Untergrundes im Grundwasser eine Schadstofffahne ausgebildet. Die räumliche Ausdehnung dieser Schadstofffahne ist jedoch mit rund 200 bis 300 m Länge deutlich geringer als die Ausdehnung der Fahne im Norden. Im Wesentlichen liegen in der südlichen Schadstofffahne erhöhte Naphthalin-Konzentrationen vor. Aufgrund des geringeren hydraulischen Durchflusses im südlichen Teil des Altstandortes ist die Schadstofffracht dieser Fahne als gering zu bewerten.

Aufgrund der Art des Schadstoffe und des Alters der Kontamination sind die Schadstofffahnen unter den herrschenden hydrogeologischen Bedingungen als stationär zu bewerten. In voriger Abbildung sind die Schadstofffahnen schematisch dargestellt.

Schutzgut Boden

Der Boden im Bereich des Altstandortes ist vor allem durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe massiv belastet. In folgender Abbildung ist dargestellt auf welchen untersuchten Grundstücken (Untersuchungen 2003 und 2009) Bodenbelastungen mit PAK nachgewiesen wurden, der Maßnahmenschwellenwert gemäß ÖNORM S 2088-2 beträgt 50 mg/kg. Betreffend Metallbelastungen wurden vereinzelt die Prüfwerte der ÖNORM S 2088-2 überschritten, Konzentrationen über den Maßnahmenschwellenwerten wurden keine nachgewiesen.

Zur Risikoanalyse werden darüber hinaus die Ergebnisse der Expositionsabschätzung spezifisch für einzelne Aufnahmepfade und alle berücksichtigten Schadstoffe toxikologischen Vergleichswerten gegenübergestellt, um zu prüfen, ob negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen mit ausreichend hoher Sicherheit ausgeschlossen werden können bzw. nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit auftreten können.

Als Ergebnis der standortspezifischen Risikoanalyse ergibt sich zusammenfassend, dass  bei Schadstoffaufnahme über folgende Expositionspfade mögliche negative gesundheitliche Wirkungen nicht ausgeschlossen sind:

  • Benzol (untergeordnet Ethylbenzol) über den Verzehr von Obst- und Gemüse durch Nutzung des Grundwassers zur Bewässerung
  • Benzo(a)pyren, Naphthalin, Dibenzo(a,h)anthrazen, Arsen und Kupfer (untergeordnet Blei und Zink)  über den Verzehr von Obst- und Gemüse
  • Aromatische Kohlenwasserstoffe (C>8 – C12) und untergeordnet Cadmium über den Verzehr von Obst- und Gemüse bei Akkumulation im Boden
  • Benzol und Arsen über den Hautkontakt und Verschlucken von Grundwasser in Badebecken
  • Untergeordnet Naphthalin über Inhalation von Dämpfen (aus der ungesättigten Zone oder bei Nutzung des Grundwassers)

Bei Berücksichtigung der Hintergrundbelastung im Umfeld des Altstandortes (Messwerte betreffend Schadstoffbelastung des Bodens und des Grundwassers, allgemeine Schadstoffbelastung von Obst und Gemüse aus Literaturdaten) zeigt sich, dass sich die beschriebene Risikoanalyse kaum verändert, d.h. nur bei Blei, Cadmium, Kupfer und Zink eine maßgeblicher Anteil der möglichen Exposition auf die Hintergrundbelastung zurück zu führen ist.

Die Risikoanalyse für die Expositionsszenarien außerhalb des Standortes zeigt, dass auch außerhalb des Altstandortes bei Wohnnutzungen im Grundwasserabstrom die Möglichkeit nachteiliger gesundheitlicher Wirkungen nicht mit ausreichend hoher Sicherheit ausgeschlossen werden kann, wenn belastetes Grundwasser zur Bewässerung von Gärten und/oder für das Befüllen von Badebecken verwendet wird. Für die Nutzung und das Expositionsszenario Ackerbau ergeben sich keine erhöhten Risiken.

Zusammenfassung der Beurteilung des Altstandortes

Die Untersuchungsergebnisse zeigen zusammenfassend, dass durch den Betrieb einer Teerprodukten-Fabrik, einer Fabrik zur Produktion von Holzimprägnierungsmitteln sowie einer Holzimprägnierungsanlage äußerst große Mengen an Teer, Teeröl und Teeröl-Produkten freigesetzt wurden. Im Bereich des Altstandortes liegen massive Verunreinigungen des Untergrundes, des Grundwassers sowie des Bodens mit teeröltypischen Schadstoffen vor. In Zusammenhang mit der aktuellen Nutzung des Standortes als Wohngebiet kann es langfristig zu einer mehr als geringfügigen Schadstoffaufnahme der ansässigen Wohnbevölkerung über verschiedene Transferpfade kommen. Eine detaillierte Abschätzung der möglichen Exposition (Schadstoffaufnahme) und die Risikoanalyse ergeben, dass nachteilige Wirkungen auf die Gesundheit von Menschen nicht ausgeschlossen werden können.

Der Altstandort stellt eine erhebliche Gefahr für die Gesundheit der Menschen und die Umwelt dar.

 

SANIERUNGSMAßNAHMEN

Von 2013 bis 2015 wurde als Sofortmaßnahme der Boden in Teilbereichen der Altlast ausgetauscht.

Durch den Bodenaustausch wurden in einem Großteil der Altlast die erheblich verunreinigten Bodenbereiche bis 50 cm Tiefe entfernt. In den Bereichen, in denen der Boden ausgetauscht wurde, besteht keine Gefahr mehr, dass es durch Wohnnutzung zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen kommt.

Es konnte nicht allen Bereichen, in denen der Boden erheblich verunreinigt ist, der Boden ausgetauscht werden, da nicht bei allen Liegenschaften die Eigentümer einem Bodenaustausch zustimmten. Es verblieben daher als Hausgärten genutzte Bereiche mit erheblich verunreinigtem Boden im Ausmaß von ca. 5.000 m².

In Hinblick auf tieferliegende Verunreinigungen des Untergrundes und die Verunreinigungen des Grundwassers ergeben sich durch die Sofortmaßnahmen keine Änderungen. Das Ausmaß der Untergrundverunreinigungen und der Grundwasserverunreinigungen wird durch die Sofortmaßnahmen nicht signifikant verändert.

 

PRIORITÄTENKLASSIFIZIERUNG

Maßgebliches Schutzgut für die Bewertung des Ausmaßes der Umweltgefährdung ist der Boden. Die maßgeblichen Kriterien für die Prioritätenklassifizierung können wie folgt zusammengefasst werden:

Schadstoffpotenzial: äußerst groß

Im Bereich des Altstandortes wurde von 1860 bis 1924 eine Teerproduktenfabrik sowie von 1868 bis 1921 eine Holzimprägnierung betrieben. An mehreren Stellen im Untergrund liegen sowohl am Grundwasserstauer als auch in unterschiedlichen undurchlässigen Zwischenschichten Teeröl in Phase vor. Auf einer Fläche von rund 100.000 m² ist der Untergrund erheblich mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen verunreinigt, das Volumen kann mit rund 150.000 bis 200.000 m³ abgeschätzt werden. Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe weisen aufgrund ihrer stofflichen Eigenschaften eine hohe Stoffgefährlichkeit auf. Insgesamt ergibt sich ein äußerst großes Schadstoffpotenzial. 

Schadstoffausbreitung: weitreichend

In den erheblich verunreinigten Untergrundbereichen ist das Grundwasser massiv mit PAK und anderen teeröltypischen Schadstoffen belastet. Abstromig sind im Grundwasser vor allem Belastungen mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und aromatischen Kohlenwasserstoffen (BTEX) gegeben. Die mit dem Grundwasser transportiere gelöste Schadstofffracht an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen kann mit rund 10 g/d für PAK-15, 100 g/d für Naphthalin, 220 g/d für BTEX und 90 g/d für Benzol abgeschätzt werden und ist als sehr groß zu bewerten. Die Länge der aktuellen Schadstofffahne kann mit rund 500 m abgeschätzt werden. Aufgrund Art und Alter der Kontamination sowie der aktuellen Fließverhältnisse des Grundwassers ist mittel- bis langfristig keine Reduktion der Schadstofffahne zu erwarten. Der sehr großen Schadstofffracht und der langen Schadstofffahne entsprechend ist die Schadstoffausbreitung insgesamt als weitreichend zu beurteilen.

Bedeutung des Schutzgutes: gut nutzbar

Das Grundwasser ist grundsätzlich quantitativ nutzbar, das Grundwasserdargebot ist gering. Der Altstandort befindet sich am nordöstlichen Rand des Marchfeldes innerhalb des Geltungsbereiches einer wasserwirtschaftlichen Rahmenverfügung zum Schutz des Grundwassers. Der erste Grundwasserhorizont wird sowohl im Bereich des Altstandortes als auch im Grundwasserabstrom durch Hausbrunnen erschlossen. Rund 350 m nordöstlich des Altstandortes befindet sich ein Brunnen der Trinkwasserversorgungsanlage von Angern, der tiefere Grundwasserstockwerke in den tertiären Schichten erschließt. Der Brunnen wird derzeit nicht zur Trinkwasserversorgung herangezogen.

Prioritätenklasse - Vorschlag: (1)

Entsprechend der Bewertung der vorhandenen Untersuchungsergebnisse, der Gefährdungsabschätzung und den im Altlastensanierungsgesetz § 14 festgelegten Kriterien schlägt das Umweltbundesamt die Einstufung des Altstandortes "Teerfabrik Rütgers - Angern" in die Prioritätenklasse 1 vor.

 

Datum der Texterstellung: November 2016